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"Meerforellenvirus" auf Fünen

Fünen im April 2005

Seit vielen Jahren trage ich einen Virus in mir, der jedes Jahr im Frühjahr erneut zum Ausbruch kommt und eine Unruhe, ein eigenartiges inneres „Kribbeln“ und einen Anstieg der Herzfrequenz in mir erzeugt. Weder mein Arzt noch der Apotheker haben hiergegen ein probates Mittel gefunden und können sich den Zustand meines Körpers nicht erklären.
Eine Heilung scheint aus medizinischer Sicht nicht möglich zu sein!
Das Virus ist anscheinend hoch ansteckend, denn meine Frau Gisela wurde ebenfalls infiziert.

Es handelt sich vermeintlich um das sog. „Meerforellenvirus“!

Wir haben festgestellt, dass ein Aufenthalt mit Bewegung in frischer Meeresluft an den Gestaden der Ostsee zu einem Abklingen der Beschwerden führt. Eine zusätzliche erholsame Wirkung auf das körperliche und seelische Befinden erzeugt das Rauschen der Wellen, der Klang des Windes, das Rufen der Möwen und die Beschaulichkeit der uns umgebenden Natur.

Als besonders wirksame Therapie gegen die Symptome der „Virusinfektion“ hat sich das Fliegenfischen auf Meerforellen herausgestellt.
Prophylaktisch haben daher meine Frau und ich uns diesmal entschlossen, einige neue Küstenabschnitte der wunderschönen Insel Fünen zu besuchen.

Dieses Jahr sollte es in Fünens Norden gehen.
Schnell war anhand des „Meerforellenguide Fünen, Langeland und Åerø“ der kleine Ort Hasmark als Ausgangspunkt für unsere Angeltouren gefunden.
Auf dem dortigen Campingplatz wollten wir mit unserem Wohnmobil eine Bleibe finden und insbesondere auf der landschaftlichen schönen Landzunge Enebærodde unser Angelglück versuchen.

Im Freundeskreis sprach sich schnell herum, dass wir Beide wieder eine Erholungstour nach Dänemark zum Fliegenfischen auf Meerforellen planen.
Nach der Jahreshauptversammlung unseres örtlichen Angelvereines im Februar sprachen mich die Fliegenfischer Frederik, Klaus-Dieter und Olli an, ob es möglich wäre, uns nach Fünen zu begleiten. Die Freunde wollten unbedingt einmal das Fliegenfischen auf Meerforelle erleben.

Natürlich konnten sie mitfahren, das war doch selbstverständlich und wirklich kein Problem! Ich wies aber ausdrücklich darauf hin, dass die Reisebegleitung wegen der möglichen Ansteckung mit dem heimtückischen „Meerforellenvirus“ auf eigene Gefahr erfolgen müsse.

Der Termin für unsere Reise wurde für Mitte April festgelegt. Unsere Freunde buchten eine Hütte auf dem Campingplatz in Hasmark.
Sie schafften sich das entsprechende Equipment für die Küstenfischerei an und deckten sich mit dem benötigten Proviant und Getränken ein.

Mitte April ging es am frühen Morgen endlich gen Norden und wir erreichten nach mehrstündiger Autofahrt nachmittags unser Reiseziel.

Nachdem unsere Freunde die bescheidene Unterkunft bezogen hatten und Gisela und ich unser Wohnmobil abgestellt hatten, fuhren wir mit unseren mitgenommenen Fahrrädern zur ersten Erkundungsfahrt in Richtung Leuchtturm.

Olli konnte es gar nicht erwarten, die Fliege ins Wasser zu bringen und nahm seine Fliegenrute für die ersten „Probewürfe“ mit. Sollte sich beim ihm etwa schon das Virus eingenistet haben?

Als Klaus-Dieter zum ersten Mal die riesige Wasserfläche der Ostsee sah, war seine Enttäuschung sehr groß und fast trotzig bemerkte er, dass er es für sinnlos hält, hier zu fischen. Er konnte einfach nicht verstehen, dass in der Weite des Meeres die Meerforellen die angebotenen Fliegen erkennen und attackieren könnten.

Auch mein gutes Zureden und die aufmunternden, motivierenden Worte fanden kein Gehör. Er zog es vor, uns die kommende Zeit ohne Angelgerät zu begleiten und begnügte sich damit, uns beim Fischen zuzusehen.

Der Wind aus westlichen Richtungen wehte relativ schwach und wir konnten ohne Probleme an den vielen Angelstellen der langen Landzunge unsere Fliegenschnüre ausbringen.
Langsam spürte ich schon eine leichte Besserung meines körperlichen Befindens, denn die enorme Ruhe fernab der Hektik des Alltags, zeigte seine erste positive Wirkung auf mein Wohlergehen.

Leider konnten wir in den beiden ersten Tagen unserer fischereilichen Aktivitäten keinen Anbiss einer Meerforelle verzeichnen, was Klaus-Dieter nur in seiner ablehnenden Meinung bestärkte.

Zu allem Überfluss drehte am dritten Tag der Wind auf östliche Richtungen und nahm empfindlich zu. Ein Werfen mit der Fliegenrute in Nordfünen war nicht mehr möglich.

Was nun? Ja gut, wir waren auf einer Insel und da sollte es doch möglich sein, mit etwas Nachdenken, einem Kompass und einer guten Landkarte ein geeignetes, windgeschütztes Plätzchen für uns zu finden.
Schnell war die Halbinsel Helnæs im Süden Fünens als geeignetes Ziel ermittelt und nach einer einstündigen Autofahrt erreichten wir unseren neuen Angelplatz. Hinter einer Steilküste fanden wir Schutz vor dem Wind und wir konnten wunderbar entspannt fischen.

Klaus-Dieter zog es immer noch vor, sich ohne Angelgerät einen schönen Tag zu machen. Wir schlossen daraus, dass er vermutlich gegen den Erreger der „Viruserkrankung“ immun war.

Bei Frederik zeigten sich mittlerweile die ersten leichten Symptome eines Befalls mit dem „Meerforellenvirus“, denn eine gewisse Erregung und Nervosität war auch ihm anzumerken. Als Beruhigungsmittel gegen diese Anzeichen warf er fleißig die Garnelenfliege immer wieder über die Tangfelder aus.

Der strahlende Sonnenschein erwärmte die Luft zunehmend und wirkte sich positiv auf unsere Stimmung aus.

Da, was war das, spürte ich da nicht ein leichtes Festhalten der Fliegenschnur? War das etwa ein Biss?
Schnell strippte ich die Fliegenschnur weiter in meinen Schnurkorb und im gleichen Moment spürte ich einen harten „Schlag“ in meiner Rute. Der Anhieb kam sofort, der Fisch hing. Augenblicklich bog sich meine Rute kräftig durch. Die Fliegenschnur glitt durch meine Finger. Mühsam brachte ich die lose Schnur auf die Rolle und nach einigen wilden Fluchten konnte ich die erste Meerforelle unseres diesjährigen Urlaubs keschern.

Ich spürte, wie die Anspannung aus meinem Körper wich und eine angenehme Gelöstheit einkehrte. Ich war anscheinend (zunächst) geheilt!

Fassungslos bestaunte Klaus-Dieter die schöne Meerforelle.
„Das gibt’s doch nicht“ war sein Kommentar. Eilig und ohne Worte verschwand er in Richtung seines Autos, wo er hastig in sein Watzeug schlüpfte und kurze Zeit später im Wasser die ersten Würfe machte.
Sollte er etwa doch…….? Ja, auch ihn hat das „Meerforellenvirus“ scheinbar nicht verschont und zu einer Blitzinfektion geführt.

In den folgenden Tagen hatten wir häufig wechselnde Winde aus überwiegend westlichen und östlichen Richtungen.
Wir passten jeweils unsere Angelplätze diesen Bedingungen an und fischten bei ablandigem Wind entweder im Norden oder im Süden der Insel.

In den Tagen unseres Urlaubes konnte jeder Teilnehmer unserer Gruppe schöne silberblanke Meerforellen mit der Fliegenrute angeln.
Den größten Fisch dieser Woche, eine Meerforelle von 68,5 cm und einem Gewicht von ca. 3 Kg, konnte ich mit meinem selbst gestalteten "Günnis-CDC-Shrimp" fangen.

Alle Teilnehmer unserer Angeltour sind inzwischen mit dem „Meerforellenvirus“ infiziert und zeigen die bekannten auffälligen Symptome. Jedes Jahr verbringen sie im Frühjahr und/oder Herbst ihren Angelurlaub an den Ostseeküsten Deutschlands oder Dänemarks, um dort bei der Fliegenfischerei auf Meerforellen eine Linderung ihrer Beschwerden zu erfahren.

Na dann, "Gute Besserung"!

Günni Sareyka